Begriff, Allgemeinheit und pure Subjektivität bei Hegel

Wenn Leute heutzutage Logik hören, dann denken sie in der Regel an Aussagen der Art „Wenn A wahr ist und B aus A folgt, dann ist B wahr” (zumindest, wenn sie etwas universitäre Bildung über sich ergehen lassen mussten). Hegel würde einer solchen „Logik” zurecht vorwerfen, dass man mit solchen Logeleien nie etwas Neues über die Welt rauskriegen würde — die Schlüsse, die da gezogen werden, sind in den Voraussetzungen schon enthalten; man bekommt auf diese Weise nie eine neue Bestimmung über irgendeine Sache raus. Solcherart Logik ist sinnvoll dafür, zu ermitteln, welche Aussagen in der formellen Welt, die durch die Voraussetzungen konstruiert wird, alle enthalten sind — aber aus dieser Welt bewegt man sich nie raus, etwas Neues kommt nie dazu. Doch die wirkliche Aufgabe des menschlichen Denkens — und die Logik ist bei Hegel (und sinnvollerweise bei jedem) die Wissenschaft vom Nachdenken — ist es doch gerade, etwas Neues über die Welt zu erfahren. Und das passiert nie in Urteilen der Form A ist A („Eine Rose ist eine Rose.”) — da erfährt man nichts Neues —, sondern in Urteilen der Form A ist B („Eine Rose ist rot.”) — in denen eine Sache durch eine andere Sache näher bestimmt wird. Eine Rose und das Konzept Rot, das sind zwei verschiedene Dinge, doch gerade durch ihre Verbindung in dem Urteil erfahren wir über Rosen mehr (sie haben die Farbe Rot) und nebenbei auch über Rot (Rosen sind eine Inkarnation davon).

Porträt Georg Wilhelm Friedrich Hegels, gemalt von Jakob Schlesinger 1831
Hegel.

Ein anderes Missverständnis, das über die Logik bei Hegel existiert, ist, dass man dort lernen könne, wie man richtig denkt. Wenn jedoch die Lektüre von Hegels Logik nötig wäre, um richtig zu denken, hätte sie nie entstehen können — ist sie doch ein Werk des Nachdenkens, namentlich über das Nachdenken. Die Wissenschaft der Logik kann also immer nur ein Nachvollzug dessen sein, was jeder schon kann. Mag es auch so sein, dass die Denkergebnisse der Allermeisten voller Fehler und Widersprüche sind (sonst gäbe es den Kapitalismus schon lange nicht mehr) — nichtsdestotrotz sind es Denkergebnisse, Ergebnisse eines Sinnierens über die Welt, in die man praktisch sowieso verwickelt ist. Insofern ist die Beschäftigung mit Hegels Logik tatsächlich der pure Luxus — man erfährt nur etwas, was man sowieso schon kann.

Der Begriff

Doch diesen Ballast aus dem Weg, will ich mich einem speziellen Aspekt der Hegelschen Logik widmen, und zwar dem Begriff, dem Konzept der Allgemeinheit und dem, was das mit der „puren Subjektivität” zu tun hat. In einem der frühen Paragraphen im ersten Band der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften erklärt Hegel, was der Begriff einer Sache ist. Der Begriff einer Sache ist die wichtigste Bestimmung dieser Sache — diejenige, aus der sich alle anderen Momente erklären lassen —, kurz: das Allgemeine der Sache. Als Beispiel dafür nennt Hegel den Donner. Erleben kann man immer nur einen speziellen Donner — er ist so und so laut, fängt dann an und hört dann auf. Das sind alles Bestimmungen des Donners, die jeder an sich hat, die aber Zufälligkeiten sind — sie sind unterschiedlich intensiv, passieren zu unterschiedlichen Zeitpunkten usw. Es gibt jedoch auch Bestimmungen des Donners, die tatsächlich auf jeden zutreffen — er ist ein Phänomen des Hörens, er folgt einem Blitz. Und diese Bestimmungen helfen dabei, den Begriff des Donners — die Bewegung der Luft, die durch einen Blitz erzeugt wird — zu ermitteln. Und alle Momente des Donners lassen sich dann auch aus diesem Begriff erklären: Er hat immer einen Zeitpunkt, die Luft wird ja vom Blitz in Bewegung gesetzt und schwingt sich wieder aus; er hat unterschiedliche Intensität, je nach der Stärke des Blitzes; usw.

Ein Blitz, der in der Nacht in den Boden einschlägt
Zu sehen: Ein Blitz, kein Donner (den sieht man nicht).

Der Begriff einer Sache ist also die Allgemeinheit der Sache, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens ist er eine Bestimmung, die auf jedes Exemplar von ihr zutrifft, und zweitens eine Bestimmung, aus der sich alle Momente der Sache erklären lassen.

Subjektivität als Pure

Warum ich diesen Paragraphen aber aufs Blog bringen wollte, ist ein zweiter Gedanke, den Hegel in die Erklärung von Begriff und Allgemeinheit einwebt: eine Bestimmung des Menschen. Er erklärt nämlich zugleich, dass der Mensch das einzige Tier ist, für das die Allgemeinheit für sich existiert. Was er damit meint, ist, dass der Mensch der einzige ist, der durch das Denken die Dinge nicht nur als vereinzelte erlebt, sondern ihre Allgemeinheit ermittelt — der nicht nur den Donner hört und sich versteckt oder Furcht empfindet, sondern darüber nachdenkt, was diese Momente ausmacht. Und in diesem Nachdenken ist der Mensch die pure Subjektivität: Er ist nicht Subjektivität in dem Sinne, dass er ein besonderer Mensch ist, der z. B. Frauen schön findet oder die Farbe Rot liebt — also Eigenschaften hat, die ihn von anderen Menschen unterscheiden, ein besonderer Mensch eben ist. Er ist Mensch darin, dass er es ist, der die Allgemeinheit der Dinge in sich aufnimmt; er beweist sich als Subjekt in dem puren Sinne, dass das Allgemeine für ihn als Einzelnen existiert. Getrennt von allen Besonderheiten, die uns auf gegensätzliche oder nicht gegensätzliche Weise unterscheiden, sind wir Menschen alle darin verbunden, dass wir über die Welt nachdenken. Ich finde es wunderschön, wie Hegel die Erklärung der Allgemeinheit im Allgemeinen mit der Erklärung der Allgemeinheit des Menschen verbindet: Er ist Mensch dadurch, dass die Allgemeinheit der Dinge für ihn als Einzelnen existiert.

Der vitruvianische Mensch, eine Proportionsstudie des menschlichen Körpers von Leonardo da Vinci
Ein Mensch.

Das Endergebnis des Denkens: Die Befreiung

Es gibt einen Abschnitt in Harry Potter and the Methods of Rationality1, in dem Harry Draco mit einer ähnlichen Bestimmung auf eine Gemeinsamkeit verpflichten will, indem er vorschlägt, die Unterschiede im Empfinden für einen Moment zur Seite zu legen und stattdessen einmal zu akzeptieren, dass doch beide etwas empfinden, also zum Empfinden fähig sind. Er hat damit keinen Erfolg, und das ist auch gerecht — wenn der Gedanke an sich natürlich auch schön ist. Und so ist es auch bei dieser Allgemeinheit, weil sie für sich nichts wert ist und nichts bringt. Die Unterschiede, die hier wirklich etwas gelten, sind Unterschiede des Eigentums, also solche, die durch Gewalt hergestellt wurden. Und die Unterschiede in der Stellung dazu, die der Abschaffung des Eigentums in letzter Instanz im Wege stehen, sind Ergebnisse des Denkens, also nicht durch die Feststellung der Fähigkeit zum Denken zu überwinden. Aber die Aufhebung dieser Verhältnisse muss immer das Ergebnis einer veränderten Stellung der ausgebeuteten Masse zu ihnen sein, durch Denken erzeugt. Dass wir zum Denken fähig sind, wird uns nicht befreien, aber unsere Befreiung wird in letzter Instanz ein Produkt des Denkens sein. Oder, wie Marx es in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie2 ausdrückt: Die Verwirklichung der Philosophie ist die Aufhebung des Proletariats.


  1. Harry Potter and the Methods of Rationality (kurz HPMOR) ist eine umfangreiche Fanfiction von Eliezer Yudkowsky, in der ein naturwissenschaftlich-rationalistisch erzogener Harry durch Hogwarts geht.↩︎

  2. Wörtlich heißt es in der Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844): „Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.”↩︎