Begriff, Allgemeinheit und pure Subjektivität bei Hegel
Wenn Leute heutzutage Logik hören, dann denken sie in der Regel an
Aussagen der Art „Wenn A wahr ist und B aus A folgt, dann ist B wahr”
(zumindest, wenn sie etwas universitäre Bildung über sich ergehen lassen
mussten). Hegel würde einer solchen „Logik” zurecht
vorwerfen, dass man mit solchen Logeleien nie etwas Neues über
die Welt rauskriegen würde — die Schlüsse, die da gezogen werden, sind
in den Voraussetzungen schon enthalten; man bekommt auf diese Weise nie
eine neue Bestimmung über irgendeine Sache raus. Solcherart Logik ist
sinnvoll dafür, zu ermitteln, welche Aussagen in der formellen Welt, die
durch die Voraussetzungen konstruiert wird, alle enthalten sind — aber
aus dieser Welt bewegt man sich nie raus, etwas Neues kommt nie dazu.
Doch die wirkliche Aufgabe des menschlichen Denkens — und die Logik ist
bei Hegel (und sinnvollerweise bei jedem) die
Wissenschaft vom Nachdenken — ist es doch gerade, etwas Neues
über die Welt zu erfahren. Und das passiert nie in Urteilen der Form A
ist A („Eine Rose ist eine Rose.”) — da erfährt man nichts Neues —,
sondern in Urteilen der Form A ist B („Eine Rose ist rot.”) — in denen
eine Sache durch eine andere Sache näher bestimmt wird. Eine Rose und
das Konzept Rot, das sind zwei verschiedene Dinge, doch gerade durch
ihre Verbindung in dem Urteil erfahren wir über Rosen mehr (sie haben
die Farbe Rot) und nebenbei auch über Rot (Rosen sind eine Inkarnation
davon).
Hegel.
Ein anderes Missverständnis, das über die Logik bei
Hegel existiert, ist, dass man dort lernen könne, wie
man richtig denkt. Wenn jedoch die Lektüre von
Hegels Logik nötig wäre, um richtig zu denken, hätte
sie nie entstehen können — ist sie doch ein Werk des Nachdenkens,
namentlich über das Nachdenken. Die Wissenschaft der Logik
kann also immer nur ein Nachvollzug dessen sein, was jeder schon kann.
Mag es auch so sein, dass die Denkergebnisse der Allermeisten voller
Fehler und Widersprüche sind (sonst gäbe es den Kapitalismus schon lange
nicht mehr) — nichtsdestotrotz sind es Denkergebnisse, Ergebnisse eines
Sinnierens über die Welt, in die man praktisch sowieso verwickelt ist.
Insofern ist die Beschäftigung mit Hegels Logik
tatsächlich der pure Luxus — man erfährt nur etwas, was man sowieso
schon kann.
Der Begriff
Doch diesen Ballast aus dem Weg, will ich mich einem speziellen
Aspekt der Hegelschen Logik widmen, und zwar dem
Begriff, dem Konzept der
Allgemeinheit und dem, was das mit der „puren
Subjektivität” zu tun hat. In einem der frühen
Paragraphen im ersten Band der Enzyklopädie der philosophischen
Wissenschaften erklärt Hegel, was der Begriff
einer Sache ist. Der Begriff einer Sache ist die wichtigste Bestimmung
dieser Sache — diejenige, aus der sich alle anderen Momente erklären
lassen —, kurz: das Allgemeine der Sache. Als Beispiel dafür nennt
Hegel den Donner. Erleben kann man immer nur einen
speziellen Donner — er ist so und so laut, fängt dann an und hört dann
auf. Das sind alles Bestimmungen des Donners, die jeder an sich hat, die
aber Zufälligkeiten sind — sie sind unterschiedlich intensiv, passieren
zu unterschiedlichen Zeitpunkten usw. Es gibt jedoch auch Bestimmungen
des Donners, die tatsächlich auf jeden zutreffen — er ist ein Phänomen
des Hörens, er folgt einem Blitz. Und diese Bestimmungen helfen dabei,
den Begriff des Donners — die Bewegung der Luft, die durch einen Blitz
erzeugt wird — zu ermitteln. Und alle Momente des Donners lassen sich
dann auch aus diesem Begriff erklären: Er hat immer einen Zeitpunkt, die
Luft wird ja vom Blitz in Bewegung gesetzt und schwingt sich wieder aus;
er hat unterschiedliche Intensität, je nach der Stärke des Blitzes;
usw.
Zu sehen: Ein Blitz, kein Donner (den sieht man nicht).
Der Begriff einer Sache ist also die Allgemeinheit
der Sache, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens ist er eine
Bestimmung, die auf jedes Exemplar von ihr zutrifft, und zweitens eine
Bestimmung, aus der sich alle Momente der Sache erklären lassen.
Subjektivität als Pure
Warum ich diesen Paragraphen aber aufs Blog bringen wollte, ist ein
zweiter Gedanke, den Hegel in die Erklärung von Begriff
und Allgemeinheit einwebt: eine Bestimmung des Menschen. Er erklärt
nämlich zugleich, dass der Mensch das einzige Tier ist, für das die
Allgemeinheit für sich existiert. Was er damit meint, ist, dass
der Mensch der einzige ist, der durch das Denken die Dinge nicht nur als
vereinzelte erlebt, sondern ihre Allgemeinheit ermittelt — der nicht nur
den Donner hört und sich versteckt oder Furcht empfindet, sondern
darüber nachdenkt, was diese Momente ausmacht. Und in diesem
Nachdenken ist der Mensch die pure Subjektivität: Er ist nicht
Subjektivität in dem Sinne, dass er ein besonderer Mensch ist, der z. B.
Frauen schön findet oder die Farbe Rot liebt — also Eigenschaften hat,
die ihn von anderen Menschen unterscheiden, ein besonderer
Mensch eben ist. Er ist Mensch darin, dass er es ist, der die
Allgemeinheit der Dinge in sich aufnimmt; er beweist sich als Subjekt in
dem puren Sinne, dass das Allgemeine für ihn als
Einzelnen existiert. Getrennt von allen Besonderheiten, die uns
auf gegensätzliche oder nicht gegensätzliche Weise unterscheiden, sind
wir Menschen alle darin verbunden, dass wir über die Welt nachdenken.
Ich finde es wunderschön, wie Hegel die Erklärung der
Allgemeinheit im Allgemeinen mit der Erklärung der Allgemeinheit des
Menschen verbindet: Er ist Mensch dadurch, dass die Allgemeinheit der
Dinge für ihn als Einzelnen existiert.
Ein Mensch.
Das Endergebnis des Denkens: Die Befreiung
Es gibt einen Abschnitt in Harry Potter and the Methods
of Rationality1, in dem Harry Draco mit
einer ähnlichen Bestimmung auf eine Gemeinsamkeit verpflichten will,
indem er vorschlägt, die Unterschiede im Empfinden für einen Moment zur
Seite zu legen und stattdessen einmal zu akzeptieren, dass doch beide
etwas empfinden, also zum Empfinden fähig sind. Er hat damit
keinen Erfolg, und das ist auch gerecht — wenn der Gedanke an sich
natürlich auch schön ist. Und so ist es auch bei dieser Allgemeinheit,
weil sie für sich nichts wert ist und nichts bringt. Die Unterschiede,
die hier wirklich etwas gelten, sind Unterschiede des Eigentums, also
solche, die durch Gewalt hergestellt wurden. Und die Unterschiede in der
Stellung dazu, die der Abschaffung des Eigentums in letzter Instanz im
Wege stehen, sind Ergebnisse des Denkens, also nicht durch die
Feststellung der Fähigkeit zum Denken zu überwinden. Aber die Aufhebung
dieser Verhältnisse muss immer das Ergebnis einer veränderten Stellung
der ausgebeuteten Masse zu ihnen sein, durch Denken erzeugt. Dass wir
zum Denken fähig sind, wird uns nicht befreien, aber unsere Befreiung
wird in letzter Instanz ein Produkt des Denkens sein. Oder, wie
Marx es in der Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie2 ausdrückt: Die
Verwirklichung der Philosophie ist die Aufhebung des Proletariats.
Harry Potter and the Methods of Rationality
(kurz HPMOR) ist eine umfangreiche Fanfiction von Eliezer
Yudkowsky, in der ein naturwissenschaftlich-rationalistisch
erzogener Harry durch Hogwarts geht.↩︎
Wörtlich heißt es in der Einleitung zu Zur Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844): „Die
Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des
Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die
Verwirklichung der Philosophie.”↩︎